Die Theatergruppe des Huma spielt „Andorra“ von Max Frisch 2010

ImageDie Theatergruppe des Stiftischen Humanistischen Gymnasiums führt am 18., 19. und 23. März 2010 jeweils um 20.00 Uhr in der Aula der Schule das Schauspiel „Andorra“ von Max Frisch aus dem Jahre 1961 auf.
„Andorra“ ist für Frisch ein „Modell“, das am Beispiel des angeblichen Juden Andri und der Andorraner die Auswirkungen von Vorurteilen darstellt, und heute angesichts der Hetzjagden auf Farbige in den neuen Bundesländern, der Ausländerfeindlichkeit und der Volksabstimmung zum Bau von Minaretten in der Schweiz leider immer noch aktuell. „Die Andorraner sitzen im Parkett“, bemerkt Frisch anlässlich der Züricher Uraufführung und kritisiert damit unser Verhalten. „Andorra“ macht also Ernst mit Frischs Vorstellung vom Theater als „politischer Anstalt“ und ist gleichzeitig eines der meist gespielten Stücke des zeitgenössischen deutschsprachigen Theaters, ein moderner Klassiker.
Den besten Eindruck vom Inhalt des Stückes vermitteln Frischs eigene Ausführungen in seiner Prosaskizze „Der andorranische Jude“ aus dem Tagebuch 1946 – 49:
„In Andorra lebte ein junger Mann, den man für einen Juden hielt. Zu erzählen wäre die vermeintliche Geschichte seiner Herkunft, sein täglicher Umgang mit den Andorranern, die in ihm den Juden sehen: das fertige Bildnis, das ihn überall erwartet. Beispielsweise ihr Misstrauen gegenüber seinem Gemüt, das ein Jude, wie auch die Andorraner wissen, nicht haben kann. Er wird auf die Schärfe seines Intellekts verwiesen, der sich eben dadurch schärft, notgedrungen. Oder sein Verhältnis zum Geld, das in Andorra auch eine große Rolle spielt: er wusste, er spürte, was alle wortlos dachten; er prüfte sich, ob es wirklich so war, dass er stets an das Geld denke, er prüfte sich, bis er entdeckte, dass es stimmte, es war so, in der Tat, er dachte stets an das Geld. Er gestand es; er stand dazu, und die Andorraner blickten sich an, wortlos fast ohne ein Zucken der Mundwinkel. Auch in Dingen des Vaterlandes wusste er genau, was sie dachten; sooft er das Wort in den Mund genommen, ließen sie es liegen wie eine Münze, die in den Schmutz gefallen ist. Denn der Jude, auch das wussten die Andorraner, hat Vaterländer, die er wählt, die er kauft, aber nicht ein Vaterland wie wir [...]. So wiederum ging es, bis er eines Tages entdeckte, mit seinem rastlosen und alles zergliedernden Scharfsinn entdeckte, dass er das Vaterland wirklich nicht liebte, schon das bloße Wort nicht, das jedes Mal, wenn er es brauchte, ins Peinliche führte. Offenbar hatten sie recht. [...] Die meisten Andorraner taten ihm nichts. Also auch nichts Gutes. Auf der anderen Seite gab es auch Andorraner eines freieren und fortschrittlicheren Geistes, wie sie es nannten, eines Geistes, der sich der Menschlichkeit verpflichtet fühlte: sie achteten den Juden, wie sie betonten, gerade um seiner jüdischen Eigenschaften willen, Schärfe des Verstandes und so weiter. Sie standen zu ihm bis zu seinem Tode, der grausam gewesen ist, so grausam und ekelhaft, dass sich auch jene Andorraner entsetzten, die es nicht berührt hatte, dass schon das ganze Leben grausam war. Das heißt, sie beklagten ihn eigentlich nicht – sie empörten sich nur über jene, die ihn getötet hatten, und über die Art, wie das geschehen war, vor allem die Art. [...] Bis es sich eines Tages zeigt, was er selber nicht hat wissen können, der Verstorbene: dass er ein Findelkind gewesen, dessen Eltern man später entdeckt hat, ein Andorraner wie unsereiner –
Man redete nicht mehr davon. Die Andorraner aber, sooft sie in den Spiegel blickten, sahen mit Entsetzen, dass sie selber die Züge des Judas tragen, jeder von ihnen.“

Karten kann man telefonisch über das Sekretariat der Schule (8236070) an der Abendkasse zurücklegen lassen.
Der Erlös der Aufführungen kommt dem Verein Zornröschen, der Mönchengladbacher Kontakt- und Informationsstelle gegen den Missbrauch an Mädchen und Jungen, zugute.